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PROGRAMMDETAIL

Ouverture spirituelle • Dvořák: Messe D-Dur

AUFFÜHRUNG

  • 25. Juli 2012, 19:30 Uhr

SPIELSTÄTTE

Stiftung Mozarteum

PROGRAMM

JOHANN CHRISTOPH BACH • Motette "Lieber Herr Gott, wecke uns auf"

JOHANN SEBASTIAN BACH • Motette "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn" BWV Anh. III 159

JOHANN SEBASTIAN BACH • Motette "Komm, Jesu, komm!" BWV 229

JOHANN SEBASTIAN BACH • Motette "Singet dem Herrn ein neues Lied" BWV 225 

ANTONÍN DVOŘÁK • Messe D-Dur op. 86

INFORMATION

Ende voraussichtlich um 21.20 Uhr.

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INTERPRETEN

Laurence Equilbey, Dirigent
Solisten des Chores accentus
Les Nouveaux Caractères, Continuo
Christophe Henry, Orgel
accentus

ZUR PRODUKTION

Man hat Salzburg einmal als „geistliche Stadt“ bezeichnet. Nicht zu Unrecht: Jahrhundertelang wirkte die Dominanz der geistlichen Macht entscheidend auf Charakter und Erscheinungsbild der Stadt ein. Und mit genialem Blick erkannte Max Reinhardt die Bedeutung dieser einzigartigen Atmosphäre, als er Hugo von Hofmannsthals Jedermannseinen Platz vor der Fassade des Domes anwies. An diese Tradition wollen die Salzburger Festspiele 2012 anknüpfen, wenn sie dem Hauptprogramm als „Ouverture“ erstmals eine Konzertreihe mit Meisterwerken geistlicher Musik voranstellen. In diesen Rahmen integriert sind auch zwei Vorstellungen des Jedermann. Dem überwiegend von christlichen Inhalten bestimmten Prolog steht dabei ein Schwerpunkt mit jüdischer Musik gegenüber.

Beziehungsvoll eröffnet Joseph Haydns Oratorium The Creation aus 1798 den Konzertreigen. Das Werk spiegelt den tiefen Eindruck wider, den der Komponist von den großen Händel-Aufführungen in London gewonnen hatte. Von dort brachte er ein englischsprachiges Textbuch über die Schöpfungsgeschichte mit, das ihm Baron Gottfried van Swieten für die Komposition einrichtete. Ein auffallender Charakterzug der Partitur sind die ungemein plastischen Naturschilderungen; wesentlicher jedoch ist die blühende melodische Erfindung der Arien und Ensembles, der hymnische Glanz der Chöre.

Die sogenannte „Via Francigena“ ist eine der ältesten Pilgerwege Europas. Es ist dies die Route, auf der Sigeric the Serious, Erzbischof von Canterbury, gegen Ende des 10. Jahrhunderts zu Fuß 1.700 km weit nach Rom wanderte. Seinen Spuren folgt Sir John Eliot Gardiner mit seinem Monteverdi Choir auf einer musikalischen Pilgerfahrt, bei der er die Architektur bedeutender Kirchen, Klöster und Dome mit geistlicher Vokalmusik von etwa 1450 bis 1600 in Beziehung setzen will. Der Bogen reicht dabei von Josquin Desprez über Jean Mouton, Clemens non Papa, Lassus und Palestrina bis Claudio Monteverdi, englische Komponisten wie Tallis und Byrd inbegriffen.

Die Kompositionsgattung der A-cappella-Motette hat in Johann Sebastian Bachs kunstvoller Vokalpolyphonie eine letzte Hochblüte erlebt; so insbesondere in den doppelchörigen Motetten „Singet dem Herrn ein neues Lied“ und „Komm, Jesu, komm!“. Der Motettenkomposition hatte sich unter anderem schon Johann Christoph Bach, ein entfernt verwandter Onkel des Thomaskantors, gewidmet. Von ihm stammt möglicherweise auch die zuweilen Johann Sebastian Bach zugeschriebene Motette BWV Anh. 159.

Prominent im Programm der Konzertreihe vertreten sind die Messen des Genius loci Wolfgang Amadeus Mozart. Für die Einweihung der Waisenhauskirche am Wiener Rennweg schrieb der Zwölfjährige eine großangelegte Messe (KV 139) im Wiener Kirchenstil jener Zeit, die er in Gegenwart „Ihre[r] kais.königl. Majest.“ am 7. Dezember 1768 „mit allgemeinem Beyfalle und Bewunderung“ selbst dirigierte. Salzburger Tradition folgt hingegen die sogenannte „Missa longa“ (KV 262) aus dem Jahre 1776, mit der Mozart offenbar seine kontrapunktische Virtuosität demonstrieren wollte. In noch höherem Maße gilt dies für die Sakramentslitanei KV 243 aus demselben Jahr mit ihrem reichen Einsatz konzertanter Solo-Instrumente und der geradezu halsbrecherischen Polyphonie der Schlussfuge. Bestimmt war sie nach Salzburger Tradition für das Vierzigstündige Gebet, das jeweils am Palmsonntag begann.

Den Höhepunkt von Mozarts Schaffen auf diesem Gebiet bildet der gewaltige Torso seiner c-Moll-Messe KV 427, von der nur Kyrie, Gloria, Sanctus und Benedictus vollständig ausgeführt sind. Mozart brachte sie anlässlich seines letzten Salzburger Besuches am 26. Oktober 1783 in St. Peter zur Aufführung, wobei seine Gattin Konstanze das erste Sopransolo sang. Monumentale doppelchörige Sätze à la Bach, eine schwungvolle „Halleluja“-Paraphrase nach Händel, effektvolle Arien und Ensemblesätze nach italienischem Gusto sowie meisterhafte Fugen prägen die insgesamt retrospektive Anlage des Werkes. Ergänzt wird dieses Konzert durch ein derzeit noch im Entstehen begriffenes Auftragswerk der Salzburger Festspiele von Johannes Maria Staud (geb. 1974) zu einer Textstelle aus DantesDivina Commedia. Mit seinem phantasievollen Klangsinn gehört er zu den interessantesten österreichischen Komponisten der jüngeren Generation.

Vertiefte Textausdeutung und das Streben nach erhöhter Monumentalität kennzeichnen die Messen der Romantik. So etwa Franz Schuberts Es-Dur-Messe D 950 aus dem Todesjahr 1828. In der farbigen Orchesterbehandlung und großräumigen Anlage schlägt sie die Brücke von den Messen der Wiener Klassik zu jenen Anton Bruckners. Auch die reduzierte Besetzung von Antonín Dvořáks Messe D-Dur, geschrieben 1887 – sie verwendet nur Singstimmen und Orgel –, steht ihren eindrucksvollen Klangwirkungen und ihren großen äußeren Dimensionen nicht im Wege. Sie verbindet dabei klassische Vorbilder mit volkstümlicher Melodik und echt romantischer Harmonik.

In einem weiteren Sinne gehört hierher auch Anton Bruckners Siebente Symphonie, zumal man seine Symphonien einmal als „Messen ohne Worte“ charakterisiert hat. Vollendet 1883, bedeutete dieses Werk Bruckners endgültigen Durchbruch als Komponist. Das als Trauermusik für Richard Wagner entworfene Adagio weist Anklänge an das im Folgejahr vollendete Te Deum auf; diese Komposition gilt in ihrer wuchtigen Größe als die bedeutendste Vertonung des altkirchlichen Hymnus überhaupt.

Drei Werke gehören dem jüdischen Schwerpunkt der Konzertreihe an. Der in der Schweiz geborene Ernest Bloch (1880–1959) hat etwa ein Drittel seines von romantischer Tonsprache beherrschten Œuvres jüdischen Themen gewidmet. Dazu zählt auch das zwischen 1930 und 1933 entstandene Werk mit dem Titel Avodath Hakodesh(Gottesdienst) für Bariton, Chor und Orchester. 1938 schrieb Arnold Schönberg Kol Nidre (wörtlich: „Alle Gelübde“). Aus den überlieferten melodischen Floskeln einer Zeremonie für den Versöhnungstag Jom Kippur formte er eine Melodie, die er unter Verzicht auf Zwölftontechnik in einen tonalen Rahmen bettete. Dem geht eine Erzählung von der Verstreuung des Lichts in die Welt durch Gott voran. Das jüngste Werk dieser Gruppe ist die 1985 entstandene Symphonie Mechaye Hametim (Auferweckung der Toten) von dem 1935 geborenen Noam Sheriff. Sie verwendet Solisten, zwei Chöre und Orchester und basiert auf der traditionellen jüdischen Musik Osteuropas sowie auf altorientalischen jüdischen Themen.

Dem Bereich des Musiktheaters schließlich gehört das Geistliche Singspiel Die Schuldigkeit des ersten Gebots an, dessen ersten Teil „klein Mozartl“ im Jahre 1767 vertonte. Da die beiden anderen Teile, komponiert von den Salzburger Musikern Anton Cajetan Adlgasser und Michael Haydn, verschollen sind, hat die Handlung einen offenen Schluss: Christgeist und Weltgeist kämpfen um die Seele des „lauen Christen“. Kein Wunder, dass in der Musik des Elfjährigen ein heiterer, verspielter Ton überwiegt.

Gerhard Kramer



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