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PROGRAMMDETAIL

Richard Wagner • Die Meistersinger von Nürnberg

Oper in drei Aufzügen
von Richard Wagner (1813-1883)
Text vom Komponisten

Mit deutschen und englischen Übertiteln Koproduktion mit der Opéra National de Paris
Dauer der Oper ca. 5 Stunden und 30 Minuten.

PREMIERE

  • 02. August 2013, 17:30 Uhr

AUFFÜHRUNGEN

  • 09. August 2013, 17:00 Uhr
  • 12. August 2013, 17:00 Uhr
  • 20. August 2013, 17:00 Uhr
  • 24. August 2013, 11:00 Uhr
  • 27. August 2013, 18:00 Uhr

SPIELSTÄTTE

Großes Festspielhaus

Programm drucken (PDF)

LEADING TEAM

Daniele Gatti, Musikalische Leitung
Stefan Herheim, Regie
Heike Scheele, Bühne
Gesine Völlm, Kostüme
Olaf Freese, Licht
Alexander Meier-Dörzenbach, Dramaturgie
Ernst Raffelsberger, Choreinstudierung

BESETZUNG

Anna Gabler, Eva
Monika Bohinec, Magdalene
Michael Volle, Hans Sachs
Roberto Saccà, Walther von Stolzing
Georg Zeppenfeld, Veit Pogner
Markus Werba, Sixtus Beckmesser
Peter Sonn, David
Thomas Ebenstein, Kunz Vogelsang
Guido Jentjens, Konrad Nachtigall
Oliver Zwarg, Fritz Kothner
Benedikt Kobel, Balthasar Zorn
Franz Supper, Ulrich Eißlinger
Thorsten Scharnke, Augustin Moser
Karl Huml, Hermann Ortel
Dirk Aleschus, Hans Schwarz
Roman Astakhov, Hans Foltz
Tobias Kehrer, Ein Nachtwächter
"Akademie Meistersinger": Julia Helena Bernhart, Reinhild Buchmayer, Christiane Döcker, Katrin Lena Heles, Stepanka Pucalkova, Onur Abaci, Sascha Emanuel Kramer, Omer Kobiljak, Martin Mairinger, Amer Mulalic, Markus Murke, Angelo Pollak, Derek Rue, A, Lehrbuben
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker
Mitglieder der Angelika-Prokopp-Sommerakademie der Wiener Philharmoniker

ZUR PRODUKTION

Noch während Wagner den zweiten Aufzug der Meistersinger komponierte, schrieb Hans von Bülow, der Uraufführungsdirigent, in Briefen an Freunde, das entstehende Werk werde Wagners „Gipfelpunkt“, es stelle „das Höchste dar, […] was man unter nationaler Blüte verstehen könne und werde „sein klassischstes, deutschestes, reifstes und allgemein zugänglichstes Kunstwerk.“ Und Peter Cornelius, Komponist und enger Freund Wagners, meinte kurz vor der Uraufführung am 21. Juni 1868 in München, Wagner habe die „deutsche Nationaloper“ geschrieben. Von Anfang an waren die Meistersinger, die nach Wagners Willen doch ein komisches Spiel werden sollten, mit der Behauptung belastet, dieser habe „hier in einem konkreten Bilde deutschen Kulturlebens die ewige Idee des Deutschtums“ (Peter Cornelius) komponiert. Entsprechend verheerend ist dann auch die Rezeption dieses Werkes verlaufen: Wann immer nationalistisch-reaktionäre Werte beschworen werden sollten, wurden die Meistersinger gespielt, und im Dritten Reich ließ Hitler bekanntlich die Reichsparteitage mit einer abendlichen Aufführung des Stückes beginnen. Doch solche politische Inanspruchnahme ist grundfalsch. Die Meistersinger beziehen sich zwar auf historische Vorlagen, aber in anderer Weise, als eine schiefgelaufene Rezeption meinte.

Die Entstehung der Meistersinger steht im Kontext der Wiederentdeckung des Mittelalters im 19. Jahrhundert, als man sich der großen mittelalterlichen Literatur erinnerte und die Deutschen hier eine glanzvolle Vergangenheit suchten. Schon die Romantiker waren auf diese Suche gegangen. Wackenroder und Tieck hatten Nürnberg als Sehnsuchtsort entdeckt und die mittelalterliche Stadt als eine Idylle gezeichnet, eine durch Handel reich gewordene Stadt, geprägt von freien, kunstsinnigen Bürgern, Lebensort berühmter Künstler wie Sachs und Dürer. Mit anheimelnden Fachwerkbauten und buntbemalten Fenstern, eine Stilisierung, die Wagner sympathisch fand. Daran wollte er anknüpfen, als er den Plan fasste zu „einem komischen Spiel, das in Wahrheit als beziehungsvolles Satyrspiel meinem ‚Sängerkrieg auf der Wartburg‘ sich anschließen konnte.“
Wagner hoffte, mit einem leicht komödiantischen Stoff endlich einen großen Erfolg zu haben. Doch die Meistersinger gerieten ihm unter der Hand zu etwas sehr anderem: zu einem Lehrstück über die Rolle der Kunst in einem Gemeinwesen. Das wird schon daran deutlich, dass Wagners Nürnberg eine Stadt ohne alle politischen Institutionen und Symbole ist. Zwar gibt es einen Rat der Stadt, doch er tritt nicht auf. Die Stände, die am Ende die Festwiese bevölkern, sind berufliche Gliederungen, keine politischen. Auch von Politik ist nicht die Rede, nur ein Nachtwächter erinnert daran, dass Nürnberg eine politische Obrigkeit hat.
Wo keine Politik ist, ist bei Wagner immer die Kunst. Und so sind die Meistersinger auch ein Stück über Kunst und Kunstproduktion. Gleich anfangs wird das deutlich. Wenn David mit seinen Lehrbuben alles für die Sitzung der Meister herrichtet, erklärt er zugleich dem unwissenden Stolzing die komplizierten Regeln des Meistergesangs. Da geht es um exakte Erfüllung überkommener Vorgaben, da muss jedes Abweichen vermieden werden, da wird in umständlicher Art Traditionspflege zum Selbstzweck, abschreckend für Stolzing, der Meister werden will, einzig um Eva als Braut zu gewinnen. Und Wagner zeichnet die Tradition als jenen Boden, auf dem erst Fortschritt möglich wird. Denn so umständlich auch die Versammlung der Meister wirken mag, es geschieht Bemerkenswertes: freie Bürger kommen hier zusammen, um künstlerisch tätig zu werden. So hoch ist deren Wertschätzung der Kunst, dass der reiche Pogner „dem Singer, der im Kunstgesang / vor allem Volk den Preis errang“, seine Tochter Eva zur Ehe verspricht, deren Einverständnis vorausgesetzt. Was nach einigen Irrungen in gewünschter Weise geschieht: Eva bekommt Stolzing, weil der in seinem Preislied zwischen Tradition und Fortschritt die richtige Balance findet und das Volk ihn zum Sieger erklärt.
Die Meistersinger sind ein höchst komplexes Werk. In ihnen gibt es mehrere Handlungsstränge: zum einen die Liebesgeschichte zwischen Stolzing und Eva, auch zwischen Sachs und Eva, in Parallele dazu die Liebe zwischen Lene und David; zum anderen die Geschichte der Meistersinger selbst, des anberaumten Sängerwettbewerbes mit der Konkurrenz zwischen Beckmesser und Stolzing; schließlich das Nürnberger Volk, das zweimal eine ausschlaggebende Rolle ausübt.
Kunstvoll hat Wagner diese Ebenen miteinander verflochten, kunstvoll die einzelnen Charaktere gezeichnet, die nie nur eindimensional wirken. Da ist Sachs, der hoch geachtete „Schuster und Poet“, Primus inter pares, dessen Wort gilt. Wenn er Stolzings ersten Liedversuch in Schutz nimmt, dann wird das von den zuvor unzufriedenen Meistern durchaus respektiert. Doch der über allem stehende Sachs, die eigentlich integrierende Figur, ist zeitweilig damit beschäftigt, zu überlegen, ob Eva vielleicht ihn, nicht Stolzing, freien könnte. Da ist der Geschäftsmann Pogner, der scheinbar uneigennützig einen Sängerwettbewerb ausschreibt, und dies doch des eigenen Ansehens wegen tut. Da ist Beckmesser, vermeintlich neutraler Merker, der selbst auf Brautschau geht und sogar ein Gedicht stiehlt. Und da ist schließlich Stolzing, der Junker, der bürgerlich werden will, am Ende aber davor zurückscheut.
Aber alle und alles wird zusammengehalten durch die Kunst. Sie ist das lebensspendende Zentrum des Stückes, auch von Wagners Nürnberg. Ihre Regeln sind die Regeln des Lebens, wer in ihr reüssiert, hat sozialen Erfolg. Der soziale Rang bemisst sich an der künstlerischen Leistung. Er hoffe auf eine „ästhetische Weltordnung“, hat Wagner 1880 geschrieben. Im Nürnberg der Meistersinger ist sie vorweggenommen.

Udo Bermbach 




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