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PROGRAMMDETAIL

Giuseppe Verdi • Don Carlo

Oper in fünf Akten
von Giuseppe Verdi (1813-1901)
Französisches Original-Libretto von Joseph Méry (1797–1866) und Camille Du Locle (1832–1903) nach dem Drama Don Karlos, Infant von Spanien von Friedrich Schiller (1759–1805) und anderen Quellen
Italienische Textfassung von Achille de Lauzières und Angelo Zanardini

Mit deutschen und englischen Übertiteln

Dauer der Oper ca. 5 Stunden.

PREMIERE

  • 13. August 2013, 17:00 Uhr

AUFFÜHRUNGEN

  • 16. August 2013, 17:30 Uhr
  • 19. August 2013, 17:30 Uhr
  • 22. August 2013, 17:30 Uhr
  • 25. August 2013, 18:00 Uhr
  • 28. August 2013, 13:00 Uhr

SPIELSTÄTTE

Großes Festspielhaus

Programm drucken (PDF)

LEADING TEAM

Antonio Pappano, Musikalische Leitung
Peter Stein, Regie
Ferdinand Wögerbauer, Bühne
Annamaria Heinreich, Kostüme
Joachim Barth, Licht
Lia Tsolaki, Choreografie
Jörn Hinnerk Andresen, Choreinstudierung

BESETZUNG

Matti Salminen, Filippo II.
Jonas Kaufmann, Don Carlo
Anja Harteros, Elisabetta di Valois
Thomas Hampson, Rodrigo, Marchese di Posa
Ekaterina Semenchuk, La Principessa Eboli
Eric Halfvarson, Il Grande Inquisitore
Robert Lloyd, Un frate
Maria Celeng, Tebaldo
Sen Guo, Kiandra Howarth , Una voce dal cielo
Benjamin Bernheim, Il Conte di Lerma/Un Araldo reale
Martin Piskorski*, Il Conte di Lerma/Un Araldo reale (25.8.)
Antonio Di Matteo, Peter Kellner, Domen Križaj, Roberto Lorenzi, Iurii Samoilov, Christoph Seidl, Sei deputati fiamminghi
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker
Mitglieder der Angelika-Prokopp-Sommerakademie der Wiener Philharmoniker

ZUR PRODUKTION

Glückliche Intuition leitete den Direktor der Pariser Opéra, Emile Perrin, als er 1865 dem 52-jährigen Verdi ein Szenario nach Schillers „dramatischem Gedicht“ Don Karlos, Infant von Spanien sandte, um ihn für einen neuen Opernauftrag zu gewinnen: Neben Shakespeare und Victor Hugo zählte Verdi Schiller zu seinen Lieblingsdramatikern und so fing er rasch Feuer. An der Ausarbeitung des französischen Librettos nahm er regen Anteil, denn anders als in seinen frühen Schiller-Opern – Giovanna d’Arco, I masnadieri und Luisa Miller – verfolgte er diesmal das Ziel, die dichterische Vorlage in ihrer ganzen Komplexität für die Opernbühne auszuloten. Don Carlos, am 11. März 1867 in Paris uraufgeführt, wurde seine ambitionierteste und umfangreichste Oper überhaupt. Auf der Grundlage des um historische Authentizität wenig bekümmerten Schiller’schen Ideendramas entstand ein Werk, das die Ebenen des Politischen und des Privaten dichter miteinander verschränkt als irgendein anderes in Verdis Œuvre.

„Es ist eine lange Oper, das ist wahr. Aber sie muss so sein“, rechtfertigte Verdi 1871 die Ausmaße seines Don Carlos. Trotzdem veranlassten ihn die Zwänge des Theaterbetriebs ein Jahrzehnt später, die Oper einer tiefgreifenden Umarbeitung und Straffung zu unterziehen. Dabei entfielen der erste, in Fontainebleau spielende Akt und andere Passagen; hinzu kamen zahlreiche, teils gravierende Änderungen. Diese vieraktige Fassung, die 1884 in italienischer Sprache an der Mailänder Scala herauskam, wurde für eine Aufführung in Modena 1886 wiederum um den ursprünglichen ersten Akt ergänzt. Für die Salzburger Festspiele 2013 erarbeiten Peter Stein und Antonio Pappano die Urfassung der Oper – allerdings in Italienisch und ohne das Ballett. Hingegen werden auch jene Passagen zu hören sein, die noch vor der Uraufführung 1867 kurzfristig gestrichen wurden, etwa das die Oper eröffnende Vorspiel mit dem Chor der Holzfäller und ihrer Familien: eine eindrucksvolle Vergegenwärtigung der durch den Winter und den Krieg mit Spanien verursachten Not des französischen Volkes.
Die Beibehaltung des Fontainebleau-Aktes macht die weitere Handlung in ihren Voraussetzungen erst sinnfällig und die psychologische Entwicklung von Elisabetta di Valois und Don Carlo (wie die Figuren in der italienischen Version heißen) ungleich schlüssiger. Im Wald von Fontainebleau, wo die Tochter des französischen Königs auf den ihr versprochenen spanischen Infanten trifft, ist den beiden der einzige Augenblick des Glücks beschert. Mit den Kanonenschüssen, die den Friedensschluss zwischen Spanien und Frankreich besiegeln, bricht herb die Wirklichkeit herein. Eine Nachricht vermeldet: Elisabetta soll nicht Carlo, sondern den spanischen König, Filippo, heiraten. Aus Staatsräson willigt sie ein – und Carlos Braut wird unversehens zu seiner Mutter: eine traumatische Erfahrung. Von nun an haben wir es mit seelisch versehrten Menschen zu tun. Feinsten psychischen Verästelungen folgend, zeichnet Verdi in den beiden späteren Duetten zwischen Carlo und Elisabetta den Weg einer unmöglichen Liebe nach, an deren Ende die Flucht ins Metaphysische steht: „einander umarmend werden wir im Herrn das ersehnte Glück finden, das auf Erden stets entflieht!“
Todessehnsucht erfüllt andererseits auch den König. Als Exponent eines rücksichtslosen autoritären Systems, der die Umwelt als feindlich wahrnimmt und ihr mit Misstrauen begegnet, hat Filippo alle zwischenmenschlichen Bindungen verloren, ist innerlich verarmt. Selten hat Verdi die Einsamkeit der Mächtigen – ein Thema, das ihn seit jeher interessierte – so erschütternd vermittelt wie in Filippos großer Szene im vierten Akt. Es ist die triste Kehrseite der Machtfülle, die der König im unmittelbar vorangehenden Autodafé-Bild repräsentiert. – Eine Massenszene hatte Verdi von seinen Librettisten übrigens von Anfang an gefordert: schließlich galt es, sich an den Grand opéras des 1864 verstorbenen Meyerbeer zu messen, der ein Meister in der Verbindung von „spectacle“ und „drame“ gewesen war.
Verkörpert Filippo eine politische Ordnung, die auf Machterhalt und widerspruchslosen Gehorsam gerichtet ist, so erscheint der Marquis von Posa wie ein aus einer späteren Epoche in die Handlung hineingeratenes Sprachrohr liberaler Ideen und humanitärer Botschaften. Paradoxerweise fasst Filippo gerade deshalb Vertrauen zu dem Marquis, weil dieser ihm mit mutiger Offenheit begegnet, ja ihm zu widersprechen wagt. Posas eigentlicher Gegenspieler ist somit nicht der König, sondern der Großinquisitor. Verdi, zeitlebens antiklerikal eingestellt, zeichnet ihn als entmenschlichten, skrupellosen Politiker, der seine Entscheidungen als Wahrheit ideologisch verbrämt. Dem aus Posa sprechenden „Geist der Neuerer“, der das Machtfundament der Kirche gefährdet, kann der Großinquistor nur mit äußerster Härte begegnen. Der König erweist sich als sein hilfloses Werkzeug: Obwohl Posa der einzige ist, dem er jenseits politischer Anschauungen seine tiefsten Sorgen anvertraute, lässt Filippo ihn töten. Den Schmerz über den Verlust des „Freundes“ bannt Verdi in einer ergreifenden Melodie, die er später im Lacrimosa seines Requiems wiederaufnehmen sollte: „Wer gibt mir diesen Toten wieder?“
In keiner anderen Oper hat Verdi eine solche Vielfalt an menschlichen Beziehungen erkundet wie in Don Carlo. Nicht weniger eindrücklich beschwört seine Musik die Schauplätze der Handlung und die Atmosphäre der Ausweglosigkeit, die dieses dunkle Drama von Anfang an bestimmt.

Christian Arseni




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