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PROGRAMMDETAIL

Harrison Birtwistle • Gawain

Oper in zwei Akten (1990–1991/1994/1999)
von Sir Harrison Birtwistle (*1934)
Libretto von David Harsent (*1942)
nach der anonymen mittelenglischen Romanze 
Sir Gawain and the Green Knight

Mit deutschen und englischen Übertiteln Dauer der Oper ca. 2 Stunden und 45 Minuten.

PREMIERE

  • 26. Juli 2013, 19:30 Uhr

AUFFÜHRUNGEN

  • 29. Juli 2013, 16:00 Uhr
  • 02. August 2013, 19:30 Uhr
  • 08. August 2013, 19:30 Uhr
  • 15. August 2013, 19:00 Uhr

SPIELSTÄTTE

Felsenreitschule

Programm drucken (PDF)

LEADING TEAM

Ingo Metzmacher, Musikalische Leitung
Alvis Hermanis, Regie und Bühne
Eva Dessecker, Kostüme
Gleb Filshtinsky, Licht und Video
Multimedia design studio "RAKETAMEDIA", Moskau, Produktion des Videomaterials
Gudrun Hartmann, Regiemitarbeit
Uta Gruber-Ballehr, Bühnenbildmitarbeit
Ronny Dietrich, Dramaturgie
Alois Glaßner, Choreinstudierung

BESETZUNG

Christopher Maltman, Gawain
John Tomlinson, The Green Knight/Bertilak de Hautdesert
Laura Aikin, Morgan le Fay
Jennifer Johnston, Lady de Hautdesert
Jeffrey Lloyd-Roberts, King Arthur
Gun-Brit Barkmin, Guinevere
Andrew Watts, Bishop Baldwin
Brian Galliford, A Fool
Ivan Ludlow, Agravain
Alexander Sprague, Ywain
Mirjam Birkl, David Dumas, Benedikt Flörsch, Anna-Sophie Fritz, Rupert Grössinger, Ludwig Hohl, Nikolaij Janocha, Anna Maria Rieser, Vassilissa Reznikoff, Elisabeth Therstappen, Alexander Tröger, Silvana Veit, Jarek Widuch, Sarah Zaharanski, Schauspieler
Salzburger Bachchor
ORF Radio-Symphonieorchester Wien

ZUR PRODUKTION

Als 1968 die erste Oper des damals knapp 34-jährigen Harrison Birtwistle aus der Taufe gehoben wurde, verließ Benjamin Britten aus Protest das Theater – kein gutes Omen für die weitere Karriere eines englischen Komponisten, der versuchte, sich den Weg aus der provinziellen Grafschaft Lancashire in die weite Welt der Musik zu bahnen. In Amateurkapellen seiner Heimatstadt Accrington hatte Birtwistle als Klarinettist erste musikalische Erfahrungen gesammelt, ein Studium am Royal Manchester College of Music schuf später die Grundlagen seiner künstlerischen Laufbahn. Nach Brittens Tod im Jahre 1976 avancierte Birtwistle dann peu à peu zum führenden englischen Komponisten seiner Generation – und das trotz starker Konkurrenz wie etwa von Seiten des gleichaltrigen Peter Maxwell Davies, der sich gleich Birtwistle auf den Britischen Inseln für all jene musikalischen Neuerungen einsetzte, die auf dem europäischen Festland von sich Reden machten. Vom Publikum mittlerweile längst als Doyen der zeitgenössischen britischen Musik nach Britten wahrgenommen, hat Birtwistle, der 1988 zum Sir geadelt wurde, seit nunmehr fast einem halben Jahrhundert das Musikleben unserer Zeit in nahezu allen Gattungen um Werke bereichert, die eine eigene, keinen kompositorischen Tendenzen verpflichtete musikalische Sprache sprechen.

Birtwistles 1991 am Royal Opera House Covent Garden uraufgeführter, seitdem mehrfach überarbeiteter Gawain ist die dritte Oper des Komponisten. Das Libretto aus der Feder des 1942 geborenen englischen Autors David Harsent basiert auf einem mittelalterlichen Heldenepos aus dem Umkreis der Artus-Sage und wartet mit einem Arsenal genretypischer Elemente auf: düstere Ritterburgen, unheimliche nächtliche Erscheinungen, Zauberkünste, politische Intrigen und amouröse Verwirrungen. Doch der Stoff, aus dem schon immer Opernträume geschneidert wurden, wird hier neu gewebt.
Zur Handlung des Werkes, das ein deutscher Kritiker als „Meilenstein“ einer Operntradition im Spannungsfeld zwischen musealer Kunst und publikumsfernem Experimentierfeld bezeichnete und das englische Opernfreunde auf eine Stufe mit den Bühnenwerken Brittens stellen, sei nur so viel verraten: Unangekündigt erscheint am Heiligabend auf dem Schloss von König Artus ein grün gekleideter Ritter, der die Hofgesellschaft zu einem ungleichen Kampf herausfordert: Er bietet seinen Kopf dem Mann, der sich ihm nach Jahresfrist zum Zweikampf stellen will. Artus’ Neffe Gawain nimmt die Herausforderung an und enthauptet den Unbekannten, der sich jedoch sogleich wieder erhebt und ihn an seine Verpflichtung erinnert, bevor er den Festsaal auf ebenso unerklärliche Weise verlässt, wie er ihn betrat. Nach Ablauf eines Jahres macht sich Gawain dann auf den Weg zur Burg des Grünen Ritters, um seine Ehre zu verteidigen – doch die lange Reise wird zu einem Prozess der Selbstfindung, an deren Ende Gawain erkennen muss, dass er nicht mehr derselbe ist.
Auf ausdrücklichen Wunsch des Komponisten hat Harsent eine Reihe der rituell anmutenden Aspekte der altenglischen Gawain-Sage in seinem Textbuch akzentuiert: Ein dreimaliges Pochen an das Burgtor kündigt das Erscheinen des Grünen Ritters an, drei Nächte rastet Gawain am Hofe von Bertilak und seiner verführerisch schönen Gattin, dreimal holt der Grüne Ritter bei seiner zweiten Begegnung mit Gawain zum tödlichen Hieb aus, bevor die Handlung im vorletzten Bild der Oper eine überraschende Wendung nimmt. Diese repetitiven Strukturen des Librettos entsprechen ebenso wie eine Reihe zeitgleich verlaufender Handlungsmomente (die Verführungsszenen des zweiten Aktes werden sinnfällig mit Jagdszenen übereinander geblendet) oder korrespondierende Ereignisse (Gawains Abschied von Artus’ Hof und seine Rückkehr) auf besondere Weise Birtwistles Kompositionstechnik, die der Bedeutung von Zeit in der Musik nachspürt und dabei immer wieder andere als die bereits schon einmal formulierten Ausdrucksmöglichkeiten aufzeigt. Wiederholt heben Birtwistle und sein Textdichter in Gawain daher die Zeit aus den Angeln, um zu einem früheren Moment der Handlung zurückzukehren und Teile der Geschichte mit anderen Mitteln noch einmal neu zu erzählen. Vor dem Hintergrund subtiler Veränderungen der textlichen und musikalischen Struktur ergibt sich so ein kaleidoskopartiges Handlungsgefüge, welches das Publikum – ohne es zu verwirren – dazu anregt, Gehörtes und Gesehenes immer wieder neu zu überdenken.
Im Verzicht auf den traditionellen Formenkanon der Oper und angestammte Kompositionstechniken hat Birtwistle mit Gawain ein Werk von zeitloser Modernität geschaffen, dessen Meriten ein englischer Kritiker folgendermaßen würdigte: „Gawain stellt einen Höhepunkt im künstlerischen Schaffen von Sir Harrison Birtwistle dar. Die Oper vereint die dramatischen Impulse der früheren Bühnenwerke des Komponisten mit einer ungleich klareren Erzählhaltung und fasst zugleich alle Aspekte seiner in den letzten fünfzehn Jahren im symphonischen Bereich gesammelten Erfahrungen zusammen. Gawain ist meiner Meinung nach bis dato das beste musikdramatische Werk von Birtwistle – eine Oper von überwältigender Kraft und Größe.“

Mark Schulze Steinen




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