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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Äpfel der Erkenntnis

13 JUL 2011

by Wolfgang Resch  17:00 h;
veröffentlicht in: Oper, Allgemein

Uli Kirsch
Wie alles begann: Le nozze di Figaro eröffnete die Salzburger Festspiele im Mozartjahr 2006 mit einem unglaublichen Presserummel, mit einigen der aufregendsten Künstler des Musiktheaters unserer Zeit auf der Bühne und im Orchestergraben, mit Stars auch vor und neben der Bühne und mit einer Liveübertragung zur Primetime nicht nur im ORF, sondern sogar auf ARD. So etwas hatte es lange nicht gegeben.

Wenn ich heute darüber nachdenke, weiß ich tatsächlich nicht mehr genau, wie ich diesen aberwitzigen Abend überstanden habe. Für die Produktion der DVD wurden, neben der Premiere, ebenso auch die Orchesterhauptprobe und die Generalprobe aufgezeichnet, um später die schönsten Momente auswählen zu können. Eine sehr gute Idee, denn schließlich geht, wie im echten Leben, auch im Theater immer, und damit meine ich „fast immer“, etwas schief.

Das Publikum wartete gespannt auf den neuen Figaro, den damals natürlich noch niemand gesehen haben konnte. Niemand wusste, was er an diesem Abend sehen, hören und erleben würde … auch ich nicht.

Die Ouvertüre beginnt mit ungewöhnlich langsamem Tempo. Die erste Irritation. Der Vorhang geht auf. Ein karges, großes Treppenhaus. Sänger stehen puppenhausartig in eingefrorenen Positionen auf der Bühne. Keine spektakulären Kostüme. Keine Farben. Alles in kühlem Schwarzweiß. Die zweite Irritation. Und dann: Das Fenster zur linken Seite öffnet sich … Wind weht herein und weiter … ein junger, völlig unbekannter Mann in einem Matrosenanzug und mit kleinen weißen Flügelchen springt durch das Fenster auf die Bühne. Er betrachtet die erstarrte Szenerie und überlegt. Er schaut zum Fenster, hebt seinen Arm und … wie von Zauberhand bewegt fliegen nacheinander drei Äpfel durch das Fenster. Die dritte Irritation. An diesem Punkt ist nicht nur der Zuschauer verwirrt.

Der junge Schauspieler, der in diesem Falle ich war, ist ebenso verwirrt. Nur er alleine weiß nämlich, dass er bei den beiden bisherigen Aufzeichnungen aus unkontrollierbarer Nervosität heraus nicht in der Lage gewesen war, die drei hereinfliegenden Äpfel zu fangen. Jedes Mal war ihm ein Apfel entglitten, beinahe sogar in den Orchestergraben gefallen.

Dieser erste Auftritt wurde am Premierenabend von 1.600 Menschen im Theater und von Millionen Menschen vor den Fernsehern verfolgt. Es war die letzte Chance für den jungen Schauspieler, diesen Auftritt richtig zu machen. Die letzte und einzige Chance, diesen Figaro würdig zu eröffnen. Ich habe an den Moment selbst keine Erinnerung mehr, aber an diesem Abend habe ich alle drei Äpfel gefangen und mit ihnen jongliert.

Was hier für den Zuschauer etwas eigentümlich, aber scheinbar unaufgeregt begann, war eine Inszenierung von Claus Guth. Alle Regisseure, mit denen ich bis dahin gearbeitet hatte, hätten meinen Auftritt verändert, hätten ihn vereinfacht, wären auf Nummer sicher gegangen. Claus Guth aber hatte Vertrauen. Er wusste, dass es ein Wagnis war, aber er wollte das Risiko eingehen.

Den meisten ist es vielleicht nicht bewusst, aber ich bin davon überzeugt, dass genau dies der Grund dafür ist, warum der Figaro ein so besonderer Theaterabend geworden ist. Die gesamte Inszenierung war ein Wagnis. Vieles blieb bis zum Premierenabend unausgesprochen, einige Szenen blieben wenig konkret und manches sogar bis zur letzten Sekunde ungeprobt, und doch: An diesem Abend fiel jede Idee, jede Bewegung, jeder Ton und jeder Apfel genau an seinen Platz.

Es war ein magischer Abend. Es war ein Abend, der auch für mich bis heute ein kleines Theaterwunder geblieben ist, der mich viel gelehrt hat und der mir nach vielen Jahren wieder gezeigt hat, warum ich einmal auf der Bühne stehen wollte. Und es war ein Abend, der vielleicht erklären kann, warum wir diesen Figaro auch in diesem Sommer, nach fünf Jahren, noch immer spielen dürfen.

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