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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

KISS. GOOD. BYE.

19 AUG 2011

by Uli Kirsch  11:03 h;
veröffentlicht in: Oper, Allgemein

Uli Kirsch
Beinahe sechs Jahre sind vergangen, seit Claus Guth mich fragte, ob ich den Cherubim in seiner Inszenierung von Le nozze di Figaro spielen möchte. Er sprach mich auf einer meiner Premierenfeiern am Theater Basel an und versuchte mir die Rolle und die Produktion in Salzburg schmackhaft zu machen. In Salzburg war ich nie gewesen. Von den Festspielen hatte ich gehört, aber ich hatte keine Vorstellung:

Eröffnungspremiere der Festspiele im Mozartjahr, erste Premiere überhaupt im neuen Haus für Mozart, Anna Netrebko als Susanna, Liveübertragung im Fernsehen und, und, und … Er nannte mir alle Fakten rund um die Produktion, die ausnahmslos Superlative waren, und er beschrieb mir die Rolle des Cherubim als Dreh- und Angelpunkt seines gesamten Inszenierungskonzeptes.

Was sollte ich da sagen? Ja! Ganz klar, Ja! Ja! Ja!

Tatsächlich aber sagte ich: „Ich werde darüber nachdenken.“

Heute ist Mittwoch, der 17. August. Gestern habe ich noch die wunderbare Generalprobe von Don Giovanni im Haus für Mozart angeschaut und nun sitze ich im Zug auf dem Weg nach Hause. Die letzte Vorstellung von Le nozze di Figaro liegt vier Tage zurück … seitdem fahre ich Achterbahn. Ich fahre auf meiner ganz persönlichen emotionalen Achterbahn. Wieder sind sechs Wochen Salzburg vorüber. Die Zeit war aufregend und glücklich und ging vorbei wie im Flug.

Wenn ich jetzt an die ersten Probentage im Lehrbauhof unter dem Untersberg zurückdenke, meine Sonnenbäder in den Mittagspausen, die Radtouren, die Abende im Triangel, die Nächte im Zweistein, die anstrengenden Endproben, die angespannte Premiere und unsere Feier auf dem Mönchsberg, die Vorstellungen, die immer besser wurden, und all die anderen, wundervollen Produktionen, dann kommt es mir vor, als hätte ich mindestens ein halbes Jahr in Salzburg verbracht. Aber nein: Es waren nur drei Probenwochen und gerade mal fünf Vorstellungen. In Salzburg hat die Zeit eine andere Dimension.

Seit nun schon fünf Jahren habe ich zu Salzburg eine ganz besondere Beziehung. Salzburg hat mein Leben verändert. Salzburg hat mich verändert. Der Abschied nach der letzten Vorstellung fiel mir schwerer als erwartet, denn normalerweise bin ich relativ unsentimental, wenn eine Produktion zu Ende geht. Die Vorstellung war wunderbar, und das Publikum feierte die Inszenierung und uns Künstler ein letztes Mal mit großem Jubel. Am Bühnenausgang gab ich dann Autogramme, mehr als in all den Jahren zuvor, und ließ mich mit vielen Menschen fotografieren. Es waren besonders die Kinder, die meine Unterschrift haben wollten.

Ein älterer Festspielbesucher beobachtete die Szene interessiert, sprach schließlich eines der Mädchen an und fragte, wer ich denn eigentlich sei. Die Antwort kam prompt, und ich werde den erstaunten Tonfall des Mädchens nicht vergessen: „Der Engel!“

Der Figaro ist abgespielt. Salzburg ist vorüber. KISS. GOOD. BYE.

Aber sollte mich in Zukunft ein Regisseur fragen, ob ich wieder in Salzburg spielen möchte, dann werde ich von Herzen antworten: „Ich werde darüber nachdenken.“

Uli Kirsch

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