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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Musik im Klimakoffer

16 JUL 2010

by FESTSPIELKIEBITZ  10:00 h;
veröffentlicht in: Oper, Allgemein

Mit einem voluminösen metallenen Koffer mache ich mich auf die Reise von Salzburg nach Karlsruhe. Wolfgang Rihm hat seine Partitur zu "Dionysos" abgeschlossen. Erst wenige Wochen ist das Werk alt und hat noch nicht einmal seine Uraufführung erlebt. Ingo Metzmacher, Pierre Audi, Jonathan Meese, Jorge Jara und das Produktionsteam erarbeiten mit den Musikern und Sängern gerade die "Opernphantasie" nach Worten von Friedrich Nietzsche.
Zum 90-Jahr-Jubiläum eröffnet das neue Musiktheaterwerk des deutschen Komponisten den Opernreigen der Salzburger Festspiele – und reiht sich damit in eine fruchtbare Tradition von Uraufführungen ein. Nicht weniger als 60 szenische Musiktheater- und Schauspielwerke sowie 150 Musikstücke wurden in den vergangenen 90 Jahren bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Nachzuerleben – unter vielem anderen – in der Ausstellung "Das Große Welttheater – 90 Jahre Salzburger Festspiele", die am 17. Juli eröffnet.
Die Ausstellung ist auch der Grund für die Zugfahrt. Zwei Seiten der Partitur von "Dionysos" sollen ausgestellt werden – als glanzvoller Abschluss in der Hauptausstellung im Salzburg Museum. Aus diesem Grund reisen schließlich zwei Seiten des Autographen von Wolfgang Rihm – fein säuberlich in Seidenpapier gewickelt – in einem voluminösen, schweren Klimakoffer von Karlsruhe nach Salzburg. "Viele Leute sind enttäuscht, wenn Sie meine Handschrift sehen. Sie meinen Neue Musik müsse ganz anders aussehen", sagt Wolfgang Rihm. Doch der Blick auf die Notenschrift ist faszinierend. Mit großem Entschluss und ohne sichtbare Korrekturen sind Musik, Text und Szenenanweisungen mit festem Tintenstrich "in einem Fluss" gewissermaßen niedergeschrieben und offenbaren den eindrucksvollen, ausgeprägten Willen des Komponisten.
Nun ist auch das letzte originale Ausstellungsstück unversehrt in Salzburg angekommen.
Und so kommt es, dass das jüngste Werk, das für die Salzburger Festspiele geschrieben wurde (und am 25. Mai 2010 fertig gestellt wurde), schon ein Museum ziert, noch bevor die ersten Takte dieser Musik in der Öffentlichkeit erklungen sind.
Kiebiz

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