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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

Wohin die Bienen fliegen

15 MAI 2012

by FESTSPIELKIEBITZ  17:00 h;
veröffentlicht in: Schauspiel

Händl Klaus (Foto: Ruedi Häusermann)
Über Meine Bienen. Eine Schneise, das alle Disziplinen sprengende Stück von Händl Klaus mit der Musicbanda Franui

An einem sonnigen Sommertag, als im osttirolerischen Innervillgraten gerade ein Begräbnis stattfand, entwischte dem Imkersohn Andreas Schett ein Bienenschwarm. Die Bienen, auf die der Bub aufpassen sollte, flogen nicht wie sonst aus ihrem Heimatstock zu einem nahen Zirben- oder Fichtenbaum, sondern machten sich in Richtung Parkplatz davon, wo die angetretene Schützenkompanie gerade dem teuren Verblichenen die letzte Ehre erwies. Es war heiß. Den Schützen, die in ihre Uniformen gezwängt waren, lief der Schweiß übers Gesicht und in die Krägen.

Bienen sind friedfertige Wesen, solange sie nicht angegriffen oder gestört werden. Gestört fühlen sich die fleißigen, hypersozialen Wesen von Eindringlingen, die ihre Stöcke nach Honig durchsuchen, aber auch von Zeitgenossen, die einen einprägsamen Geruch verströmen, der Schweiß einer Osttiroler Schützenkompanie fällt in diese Kategorie. Der sich nähernde Bienenschwarm, dessen Summen plötzlich deutlich zu vernehmen war, sorgte also bei den Kundigen unter den angetretenen Schützen für Besorgnis, aber nicht für Panik. Ein alter Schütze, selbst Imker, rief dem Schett Andreas zu, er möge schnell nach Hause laufen, zwei blecherne Topfdeckel holen und sofort zurückkommen. 

Andreas sprang. Jetzt, sagte der Imker, das Summen der Bienen begann inzwischen bedrohlich zu klingen, schlägst du die beiden Deckel in einem schönen Rhythmus gegeneinander und gehst langsam nach Hause. Die Bienen werden dir folgen.

Der Schett Andreas schlug die beiden Deckel gegeneinander und ging nach Hause, und die Bienen folgten ihm, heim zu ihrem Stock. Die Schützen feuerten Salut, und in das Gedächtnis des Buben prägte sich ein Bild ein, das ihn begleiten sollte, bis es irgendwann als Idee zurückkehrte, als Inspiration für den Musiker, zu dem Andreas Schett inzwischen herangereift war, als Motiv für ein Bühnenstück, ein Drama mit Musik, ein Bild, das nach einem neuen Rahmen verlangte.

In einem Büro im Wiener Heiligenkreuzerhof, der Komponierstube von Franui, in dem lange Zeit die Werkstatt eines Geigenbauers untergebracht gewesen war, sitzen an einem langen Tisch vier Männer und eine Frau und reden. Zwei von ihnen sind Musiker, einer ist Dichter, einer ist Regisseur, und die einzige Frau übersetzt, was gerade alle wissen müssen, ins Französische, denn der Regisseur Nicolas Liautard stammt aus Marseille und braucht semantische Unterstützung bei der Annäherung an die ersten Fragmente, aus denen gerade das Stück Meine Bienen. Eine Schneise entsteht, das der aus Tirol stammende Autor Händl Klaus geschrieben hat, ein geheimnisvolles, verzaubertes Geflecht aus Dialogen und Atmosphäre, zu dem Andreas Schett und Markus Kraler, die beiden Köpfe der Osttiroler Musicbanda Franui, die sich längst ihren eigenen Platz zwischen allen Genres erspielt hat, die Musik komponieren.

Heute, beim ersten Treffen aller Protagonisten für die letzte Festspielpremiere der Spielzeit 2012, gilt es vor allem die Stimmung zu begreifen, die das Stück verströmen soll, seine Temperatur zu spüren, seine Konturen zu ahnen.

Also erzählt Schett noch einmal die Geschichte vom Innervillgratner Begräbnis und wie er Jahre später im Gymnasium in der griechischen Mythologie auf die Stelle stieß, wo die Erdgöttin Rhea mit zwei Bronzedeckeln vor einem Erdloch sitzt und einen Rhythmus klopft, um den dort wohnenden Bienenvölkern den Weg zu weisen.

„Das hat“, sagt Schett, „mich schier vom Stuhl gehauen“. Er erkannte die Linie tradierten Wissens, die Hellas quer durch die Jahrtausende direkt mit Innervillgraten verband. Retrospektiv benennt Schett diesen Moment als eigentlichen Ursprung des Projekts, ein Stück über Bienen in die Welt zu heben.

Die Musicbanda Franui trägt den Namen einer Alm in der Nähe von Innervillgraten, wo der junge Schett mit ein paar Freunden musizierte und kulturell so vielfältig aktiv wurde, dass sich manch sture Schädel im Tal auf den Schlips getreten fühlten, eines Nachts ging jedenfalls das Kulturzentrum in Flammen auf. Schett verließ darauf zwar Innervillgraten Richtung Innsbruck, nahm aber seine Auffassung von zeitgenössischer Musik mit, die zwischen Volks-, Blas-, Marschmusik und allen Facetten virtuoser, klassischer Repertoirebeherrschung changiert und die Schett mit seinen Freunden und Kollegen von Franui konsequent verfeinerte und weiterentwickelte. Spielte die Kapelle zuerst noch nächtelang Trauermärsche, fühlte sie sich zusehends in klassische Liedwelten hinein, eignete sich Melodien von Schubert an, um ihnen auf ihre Weise Klang und Fassung zu geben, trat in einen herzenswarmen Dialog zu Brahms ein, trotzte selbst dem opulenten Mahler die Essenz seines Empfindens ab und fand sich, inzwischen längst Dauergast auf den elegantesten Bühnen Österreichs und Deutschlands, vor der Frage, wo die nächste Station dieser Reise nun sein könnte.

Es war der Moment, als Schett an die Bienen erinnert wurde. Sven-Eric Bechtolf, Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele und Franui durch zahlreiche gemeinsame Auftritte verbunden, schlug dem Franui-Kapo vor, gemeinsam mit dem Autor Händl Klaus etwas für die Festspiele zu machen. Das beförderte eine platonische Freundschaft zwischen Händl und Franui zum Ernstfall, zum Produktionsprozess.

Händl Klaus, Tiroler wie Schett und lange mit ihm bekannt, war längst eine originelle, vielfach preisgekrönte und vor allem musikalische Stimme in der zeitgenössischen, deutschsprachigen Dramatik. Er sprang sofort auf das Bienen-Thema an. Gemeinsam mit Schett arbeitete er sich ins Thema ein, ließ sich von dessen Begeisterung anstecken, begann zu schreiben – und machte etwas ganz anderes, als irgendwer vielleicht erwartet hätte. Er schrieb die Geschichte eines Waldbrands, der eine Schneise in den Wald geschlagen und die Bienenvölker des Imkers zerstört hat. In der Luft muss, sagt Händl Klaus, sobald der Vorhang sich öffnet, Brandgeruch liegen …

Das Gespräch, das um den Tisch im Heiligenkreuzerhof kreiselt, scheint wild und funktioniert ohne sichtbare Ordnung, doch das Thema, das sichtbare, hörbare, spürbare Grundmotiv von Meine Bienen, wird von allen Seiten präzisiert. Der Regisseur hat eine erste formale Idee, eine zentrale, gläserne Mauer, in deren Farben und Spiegelungen sich die Spannungszustände des Stücks spiegeln werden. Händl Klaus hat das Libretto fertiggestellt, spät, klar, er liest daraus vor, fällt kopfüber in den Rhythmus seiner Sprache, Kraler und Schett spielen Fragmente der Musik vor, die sie am Computer zu dem Text notiert haben, und jeder hat die anderen im Augenwinkel, ihre Reaktionen, das Stück, die Totale.

„Wartet“, sagt Schett. Er will eines der Jugendlieder von Alban Berg vorspielen, das aus dessen spätromantischer Phase stammt und von Arnold Schönberg als, tja, lässliche Sünde abgestempelt wurde, wenn überhaupt. Jessye Norman singt, „ernst ist der Frühling, seine Träume sind traurig“, um den Tisch wird es ruhig, klare, intensive Musik, Herzschlagmusik.

„Genau, was wir gesucht haben“, sagt Schett. Bergs wenig bekannte Jugendlieder werden in die Bienenmusik einsickern, zitiert werden, ausstrahlen, für Momente der machtvollen Klarheit sorgen, wenn in der Schneise des Waldes die Gefühle und die Gedanken zu flirren, zu vibrieren begonnen haben, sehnsuchtsvoll und auf der Suche nach dem, was hinter den Worten verborgen ist, was in den Farben der Bühne und der Musik aber schon geahnt werden kann.

Ein blecherner Klang, wie von einem Topfdeckel, ertönt in der Skizze der Musik, die aus dem Computer strömt, und wiederholt sich, nimmt Fahrt auf, der Rhythmus, den die Erdgöttin Rhea anschlägt, der Rhythmus, mit dem Franui in der Schneise die Bienen anlocken, sie hören das Locken, sie sind auf dem Weg.

Christian Seiler

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