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SALZBURGER FESTSPIELE BLOG

TerrassenTalk „Wozzeck“

20 JUL 2017

by FESTSPIELKIEBITZ  17:05 h;
veröffentlicht in: Oper

William Kentridge, Vladimir Jurowski, Matthias Goerne © SF / Anne Zeuner
Als Bergs Wozzeck 1951 zum ersten Mal auf dem Spielplan der Salzburger Festspiele stand, gab es einen Riesenkonflikt im Direktorium, erzählt Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler beim TerrassenTalk zu Wozzeck. „Die Verkaufszahlen sahen im Gegensatz zu unserem heurigen Wozzeck nicht gut aus, so dass um die Auslastung zu steigern sogar Gerüchte verbreitet wurden, dass berühmte Schauspieler wie zum Beispiel auch Marlene Dietrich im Publikum säßen“, sagt die Präsidentin. „Am Ende aber war der Wozzeck unter Karl Böhm ein riesiger künstlerischer Erfolg und wurde als ‚Sieg der Moderne über das Museale‘ gefeiert.“

Dieser Salzburger Erstaufführung in der Regie von Oscar Fritz Schuh folgte 1971 und 1972 eine Neuproduktion bei den Salzburger Festspielen, ebenfalls unter Karl Böhm und in der Regie von Gustav Rudolf Sellner, sagt Margarethe Lasinger, die Leiterin der Dramaturgie und Moderatorin des TerrassenTalks. Vor 20 Jahren schließlich folgte die maßgebliche Interpretation von Claudio Abbado und Peter Stein in Salzburg, die auch den diesjährigen Dirigenten Vladimir Jurowski maßgeblich beeindruckt hat. „Diese Aufführung ist mir unvergesslich in Erinnerung – ich habe sie später in Berlin in einer halbszenischen Inszenierung gesehen“, sagt der Dirigent. „Aber natürlich bin ich in der Sowjetunion auch mit der Böhm-Aufnahme groß geworden.“ Es sei ihm eine große Ehre nun mit diesem großartigen Team am Stück zu arbeiten. Wie er mit der sehr dichten Struktur der Oper umgehe? „Berg hat mit einer erstaunlichen Detailpräzision komponiert. Die Oper dauert nur anderthalb Stunden, keine Szene dauert länger als sechs, sieben Minuten“, sagt Vladimir Jurowski. Es sei gleichzeitig Drama und Kabinettstück – jeder Takt sei ein Kunstwerk. Als Dirigent müsse man sich irgendwann für eines entscheiden, sagt er, die große Spur oder eben beim Kleinen zu bleiben. „Die Oper ist nicht leichter geworden in den letzten 100 Jahren“, sagt Vladimir Jurowski. „Man muss versuchen die Struktur so klar wie möglich darzulegen – als sei es Mozart! Aber man darf auch nicht vereinfachen. Berg hat die schönen Melodien, die Zeitgenossen nicht haben. Aber er hat eben auch noch mehr“, sagt der Dirigent.

25 Jahre ist es her, als William Kentridge die erste künstlerische Begegnung mit Büchners Woyzeck hatte und dieses Dramenfragment inszenierte. Später hat er Bergs Lulu inszeniert. „Ich habe mich quasi kreisförmig an den Wozzeck angenähert“, sagt der Künstler. Wie er die Vorahnungen Wozzecks in seiner visuellen Sprache verarbeite? „Ich finde es wahnsinnig faszinierend, was Büchner in den 1830er Jahren schreibt – da ist die Rede vom Himmel, der bedrohlich wirkt, von Landschaften voller geköpfter Menschen – all das wurde 80 Jahre später während des Ersten Weltkrieges Wirklichkeit“, sagt William Kentridge. Seine Kohlezeichnungen werden dafür auf das Bühnenbild projiziert, sie werden umgemünzt in Wozzecks Visionen einer Katastrophe. Die Psychoanalyse der Figuren stehe bei ihm nicht im Vordergrund, denn das finde sich sowieso in der Musik und den gesanglichen Darbietungen, sagt er. „In der Winterreise, die ich mit Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser mache, ist es ähnlich: Es geht um Unschuld, um Staunen, aber auch um Wut und Entschlossenheit - diese ganze Bandbreite habe ich bei Matthias Goerne gefunden, von Gewalt bis Sanftmütigkeit“, sagt der Regisseur.

Seinen Salzburger Wozzeck? – Nein, den habe er noch nicht gefunden, sagt Matthias Goerne. Es zeichne sich schon eine Tendenz ab, aber der Prozess sei noch nicht abgeschlossen. Auch wenn er die Rolle schon mehrfach gesungen habe – bei jeder neuen Inszenierung weite sich der Horizont weiter aus. „Natürlich bleibt das Stück das Stück und die Handlung die Handlung – aber die Oper hat den Menschen bzw. die Menschheit im Visier und diese kann verschiedene Schattierungen annehmen“, sagt Matthias Goerne. Durch die große Präsenz der Kunst von William Kentrisge offenbare sich ihm eine vollkommen neue Erfahrung. – Oft sei etwa eine gewisse Körperlichkeit fehl am Platz. Und er bereite ihm eine Ebene, in der es leichter sei, Übergänge zu schaffen, sagt der Sänger. Der Wozzeck sei eine besonders herausfordernde Partie, stimmlich wie körperlich, aber eben auch psychisch. Wie er umgehe mit den Umgängen von Sprechgesang und expressivem Gesang? „Für mich ist das vor allem eine Frage der Musikalität“, sagt Matthias Goerne. Die Spannweite beim Wozzeck sei riesig. Es brauche feinste Abstimmung zwischen dem Sprechen auf einer gewissen Tonhöhe und mit einem bestimmten Rhythmus, dann der abrupte Wechsel zum Halbgesungenen bis hin zum Singen – „Ich denke meine Erfahrung als Liedsänger hilft mir hier enorm“, sagt der Bariton. „Die Bedeutung der Worte steht im Vordergrund.“

Die meisten seiner Zeichnungen seien bereits fertig, sagt William Kentrigde. Aber er arbeite auch noch weiter an einigen in seinem Atelier im Museum der Moderne. Es sei ein laufender Prozess, der noch bis zur Kostümprobe andauere. Die Oper sei sozusagen ein lebendiger Organismus, eine 90-minütige Zeichnung mit drei Dimensionen. Vladimir Jurowski und er arbeiten sehr eng zusammen, um die Musik und das Drama in Koexistenz miteinander zu bringen.

Hören Sie hier den TerrassenTalk zu Wozzeck:

Hier finden Sie Karten und weitere Informationen zu Wozzeck:

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