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2007 – 2011

Von der Nachtseite zum Mythos
2007–2011

Das große Mozart-Finale, mit dem Peter Ruzicka seine erfolgreichen Jahre als Salzburger Intendant abgeschlossen hatte, war vorüber. Die neue künstlerische Leitung der Festspiele – Intendant Jürgen Flimm sowie Markus Hinterhäuser und Thomas Oberender, für Konzert und Schauspiel verantwortlich – trat im Oktober 2006 an. Ihnen zur Seite standen weiterhin Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler und der Kaufmännische Direktor Gerbert Schwaighofer. „Jedermann erwartet sich ein Fest“, heißt es im Goetheschen „Vorspiel auf dem Theater“. Ein Fest in dieser Stadt, von der Hugo von Hofmannsthal, einer der Gründer unserer Festspiele sagte: „Salzburg ist das Herz vom Herzen Europas … Salzburg liegt als Bauwerk zwischen dem Städtischen und Ländlichen, dem Uralten und dem Neuzeitlichen …“ Diesem Fest-Gedanken suchte sich Intendant Jürgen Flimm ideell wieder anzunähern und dramaturgisch von metaphysischen Fragestellungen auszugehen.
Im ersten Jahr seiner Intendanz rief Jürgen Flimm das Motto „Die Nachtseite der Vernunft“ aus, das sich mit den Schattenseiten unseres scheinbar aufgeklärten Lebens beschäftigte. Das Publikum erwies sich in diesem Jahr als besonders neugierig: Armida und Benvenuto Cellini, zwei Raritäten auf dem Spielplan, wurden beispielsweise mit Begeisterung entdeckt und aufgenommen.
2008 stießen die unlösbar miteinander verbundenen Themen Eros und Thanatos aufeinander: „Denn stark wie die Liebe ist der Tod“. „Das Spiel der Mächtigen“ stand als Motto über dem Programm der Salzburger Festspiele 2009. Viele Opern, Theaterstücke und Konzerte behandelten dieses Thema. Händel, Rossini, Beethoven, Mozart und Haydn bestimmten die Opernsaison – und Luigi Nono, dessen überragendes Werk Al gran sole carico d’amore in der Felsenreitschule gezeigt wurde, geriet zu einem Maßstab setzenden Erfolg bei Publikum und Presse, ebenso wie die Eröffnungsproduktion von Händels Theodora.
Die Saison 2010 war mit dem Zitat „Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie“ überschrieben: „Wie Archäologen wollen wir also diesmal eine Tür öffnen und hinabsteigen, um an die verschränkten Ursprünge, die Widersprüche unserer Geschichte und unserer Zivilisation zu erinnern. Spuren dessen, was wir auch noch heute sind, suchen, Erinnerungen aufspüren. Und zeigen, wie zeitlos, also aktuell die alten Themen sind: die der Tragödie“, resümierte Intendant Jürgen Flimm. Im Zentrum des Opernprogramms 2010 stand der Mythos mit seinem Potenzial, elementare menschliche Erfahrungen und Situationen zu versinnbildlichen. Höhepunkte bildeten die Uraufführung von Wolfgang Rihms neuestem Musiktheater Dionysos, eine Neuinszenierung von Strauss’ Elektra sowie von Alban Bergs Lulu und von Glucks Orfeo ed Euridice.
Thomas Oberender, verantwortlich für das Schauspielprogramm, betonte wieder verstärkt die Auseinandersetzung mit einer neuen Ästhetik, die Musik und Theater zu vereinen sucht. In Anknüpfung an Luk Percevals großen Schlachten!-Erfolg von 1999 programmierte er in der Saison 2007 dessen Molière-Projekt. Uraufgeführt wurde auch der abschließende Teil der Trilogie Sad Face / Happy Face (2008) von Jan Lauwers, und 2010 stand die Uraufführung einer Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle Angst auf dem Programm; eine späte Huldigung des ehemals in Salzburg ansässigen Dichters. Interessanterweise fand wieder die Bearbeitung eines literarhistorischen Stoffes – nämlich Andrea Breths Adaption von Dostojewskis Verbrechen und Strafe (2008) – die meiste Resonanz.
In einfühlsamer Weise gelang es Konzertchef Markus Hinterhäuser am erfolgreichen Avantgardefest Zeitfluß (1993–2001) anzuknüpfen und diesen vor allem durch die Kontinente-Reihe, die alljährlich seit 2007 einen bedeutenden Komponisten des 20. oder 21. Jahrhunderts in den Blickpunkt rückte, gewissermaßen weiterzuführen. Bisher wurden die musikalischen Kontinente um Giacinto Scelsi, Salvatore Sciarrino und Edgard Varèse sowie Wolfgang Rihm erforscht. „Ich möchte keine Retrospektiven, keine Werkschau eines Komponisten hier stattfinden lassen, das ginge auch gar nicht, sondern ich möchte eine zentrale Figur haben und um diese zentrale Figur werden dann hoffentlich richtige und nachvollziehbare andere Planeten kreisen.“ (Markus Hinterhäuser im Interview mit Robert Jungwirth) Hinterhäusers Überzeugung, dass das Unbekannte, Neue, Ungewohnte in Salzburg neben dem Erwarteten und Bekannten mit Erfolg zu programmieren ist, ging auf – und hat das „Konzertprogramm zur heimlichen Hauptsache der Salzburger Festspiele gemacht“ (Peter Hagmann, NZZ, 8. August 2009).
Die Saison 2010 stand ganz im Zeichen des 90-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele – die Festspiele selbst sind in diesen neun Jahrzehnten längst zu einem Mythos geworden, geprägt von vielen künstlerischen Glanzlichtern und so mancher Erregung. So waren die Jahre 2009 und 2010 – neben künstlerischen – auch von vielen personellen Debatten und einem Betrugsskandal überschattet.

2010 war auch die letzte Saison des Direktoriums Jürgen Flimm, Helga Rabl-Stadler und Gerbert Schwaighofer. 2011 leitet Markus Hinterhäuser als Intendant und Helga Rabl-Stadler als Präsidentin mit neuen kaufmännischen Befugnissen die Festspiele. Ab 2012 heißt das neue Führungsduo Alexander Pereira als Intendant und Helga Rabl-Stadler.

Details zu den einzelnen Jahren:

2007, 2008, 2009, 2010