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PROGRAMMDETAIL

William Shakespeare/Felix Mendelssohn Bartholdy • Ein Sommernachtstraum

Komödie von William Shakespeare (1564–1616)
Schauspielmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847)
Übersetzung und Fassung von Henry Mason

Neuinszenierung

Dauer des Schauspiels ca. 2 Stunden 30 Minuten.

PREMIERE

  • 03. August 2013, 20:00 Uhr

AUFFÜHRUNGEN

  • 08. August 2013, 20:00 Uhr
  • 10. August 2013, 20:00 Uhr
  • 11. August 2013, 20:00 Uhr
  • 13. August 2013, 20:00 Uhr
  • 16. August 2013, 20:00 Uhr
  • 18. August 2013, 20:00 Uhr
  • 22. August 2013, 20:00 Uhr

SPIELSTÄTTE

Residenzhof

Programm drucken (PDF)

LEADING TEAM

Henry Mason, Regie
Ivor Bolton, Dirigent
Jan Meier, Bühne und Kostüme
Mario Ilsanker, Lichtdesign
Francesc Abós, Choreografie
Matt McKenzie für Autograph, Sounddesign

BESETZUNG

Michael Rotschopf, Theseus/Oberon
Karoline Eichhorn, Hippolyta/Titania
Christian Higer, Egeus/Alte Elfe
Tanja Raunig, Hermia
Daniel Jeroma, Lysander
Claudius von Stolzmann, Demetrius
Eva Maria Sommersberg, Helena
Markus Meyer, Puck
Raphael Clamer, Squenz
Paul Herwig, Zettel (Pyramus)
Barbara Spitz, Schnauz (Wand)/Senfsamen
Christian Graf, Flaut (Thisbe)/Spinnweb
Mathias Schlung, Schnock (Löwe)/Bohnenblüte
Reinhold G. Moritz, Schlucker (Mond)/Motte
Luke Giacomin, Joaquín Fernández, Tänzer
Chiara Skerath, Sophie Rennert, Elfen/Hofdamen
Mozarteumorchester Salzburg
"Vocalensemble": Sonja Bühling, Daniela Banasová, Charlotte Brooks, Veronika Dünser, Claire Elizabeth Craig, Hannah Dahlenburg, Mirjam Engel, Regine Hangler, Dorothea Herbert, Nikola Hillebrand, Zhenyi Hou, Katrin Hubinger, Olga Levtcheva, Anna Manske, Idunnu Münch, Nam Young Kim, Maria Nazarova, Natsumi Uchi, Sonja Šarić, Bettina Schneebeli, Etelka Sellei, Mateja Sustersic, Wendy Wang, Jennifer Zein

ZUR PRODUKTION

Theseus hat die Amazonenkönigin Hippolyta auf dem Schlachtfeld besiegt; jetzt steht die Hochzeit der beiden ins Haus. In die Hektik der letzten Vorbereitungen für das Fest platzt ein Vater, dessen Tochter den Falschen liebt. Theseus soll die ungehorsame junge Frau, Hermia heißt sie, daher zum Tode verurteilen. Die Tochter aber flieht mit ihrem Liebsten, Lysander, nachts in den Wald, wütend verfolgt von Lysanders unliebsamem Nebenbuhler und dessen Ex-Freundin. Im selben Wald probt unterdessen eine Laienspielschar von Handwerkern ein Theaterstück, das sie auf der Hochzeit ihres Regenten zeigen wollen. Überdies liegen sich hier auch die Elfenherrscher Oberon und Titania in den Haaren und der listige „Puck“ treibt sein anarchisches Unwesen …
William Shakespeare verknüpft im Sommernachtstraum viele Handlungsebenen virtuos zu einem organischen Ganzen. Aber so einleuchtend einfach die Komödie zunächst erscheinen mag – bei genauerer Betrachtung ist sie so komplex und mehrdeutig, wie es nur Träume sein können.

Jeder Traum, sagt Italo Calvino in seinen Unsichtbaren Städten, sei „ein Bilderrätsel, das eine Sehnsucht verbirgt, oder ihr Gegenteil, eine Furcht“.
In der Nacht vor der Hochzeit, bevor sich zwei Menschen einander auf ewig versprechen, werden jene Ängste und Sehnsüchte wach, die am Tag verdrängt wurden. Der Wald ist der Ort der unbewussten Alternativen. Hier agieren die Figuren aus, was sie im Alltag nicht leben können oder wollen. Der Wald ist mehrdeutig, widersprüchlich; er birgt alle Möglichkeiten in sich; er entlässt die Träumer zwar verwirrt, aber mit einem anderen Bewusstsein.

Die Athenerinnen und Athener irren durch eine Grauzone zwischen Schlaf und Wachen, tatsächlich aber träumt im Stück nur Hermia (dass eine Schlange ihr Herz frisst und Lysander darüber lacht). Das Publikum erlebt das Geschehen hingegen als Realität. Wir zweifeln nie daran, dass es diese Elfen, die unsichtbar mit den Sterblichen spielen, wirklich gibt. Wer träumt hier also? Sind es am Ende doch wir selber? Vielleicht ist jede Theateraufführung, wenn sie gelingt, ein kollektiver Traum.

Die Darbietung der Handwerker gerät deshalb so komisch, weil sie keine Vorstellung davon haben, wie man diese Wirkung erzeugen könnte.

Shakespeare zeigt, wie es geht: Für die Illusion von Mondlicht genügen zwei Blankverszeilen und ein Blick des Schauspielers in den Himmel; für den Mond sorgt dann die Phantasie der Zuschauer. Die Handwerker wissen sich nicht anders zu helfen, als den Mond höchstpersönlich auf die Bühne zu holen.

Bei all ihrer Unzulänglichkeit bewegt uns nicht nur der Ernst dieser Laienspieler: Die Geschichte, die sie erzählen wollen, Ovids Pyramus und Thisbe, war Shakespeares Quelle für Romeo und Julia (ebenfalls um 1595 entstanden). Hermia und Lysanders Liebesgeschichte endet glücklich, aber die Tragödie wird nur durch Theseus’ Gnadenakt abgewendet. Im Spiel der Handwerker wird trotz aller naiven Komik die Möglichkeit eines tragischen Ausgangs heraufbeschworen.

Ein weiteres Rätsel: Was ist das für ein Kind, um das Oberon und Titania streiten? (Und ist das nicht übrigens eine rätselhafte „Strafe“, die Oberon seiner widerspenstigen Titania erteilt: eine ekstatisch glückliche Nacht in den Armen eines potenten Liebhabers – auch wenn er ein Esel ist – verbringen zu müssen.)

Zu Shakespeares Zeit galten die Feen als kalte, bösartige Wesen, die Menschenkinder stahlen und Wechselbälger hinterließen. Dieser „indische Junge“ aber scheint Oberon und Titania sehr am Herzen zu liegen. Haben die kalten, unsterblichen Elfen gar Sehnsucht danach, menschlich zu werden – Eltern zu sein?

Das Stück endet mit der Segnung der Menschenpaare durch Oberon und Titania: Alle Kinder, die den Ehen der leidgeprüften Paare entspringen, mögen gesund und glücklich sein. In Felix Mendelssohn Bartholdys Schauspielmusik wird diese Segnung zur großen, berührenden Geste. Anderswo gelingt es ihm – bei aller romantischen Leichtigkeit – immer wieder, die beunruhigende Mehrdeutigkeit des Sommernachtstraums durchklingen zu lassen. Die bodenständigen Handwerker, die schwirrend-gefährlichen Elfen, die emotional aufgewühlten Liebhaber werden so in Klänge übersetzt, die sowohl den burlesken Spaß der Komödie als auch die dunklen Rätsel dieser Sommernacht transportieren: unheimlich; komisch.

Henry Mason



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