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Salzburger Festspiele / Geschichte
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DIE GESCHICHTE DER SALZBURGER FESTSPIELE

Gründung und Idee der Salzburger Festspiele

Die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele schlug am 22. August 1920, als Hugo von Hofmannsthals Moralität Jedermann in der Regie von Max Reinhardt erstmals auf dem Domplatz aufgeführt wurde. Seither etablierten sich die Salzburger Festspiele als das bedeutendste Festival für Oper, Schauspiel und Konzert.
Die Ursprünge reichen weit zurück. Die erste Oper nördlich der Alpen wurde vermutlich in Salzburg gespielt. Und am fürsterzbischöflichen Hof zu Salzburg wurde mit viel Aufwand durch Musik und Theater repräsentiert; auch das Volk ergötzte sich an den zahlreichen geistlichen und weltlichen Spielen. An der altehrwürdigen Salzburger Universität wurden unter großer Anteilnahme bis in die Mozart-Zeit hinein Dramen und Singspiele aufgeführt, und der Salzburger Dom war seit jeher Schauplatz von Darbietungen glanzvoller Kirchenmusik sowie kirchlicher Feste, die mit Umzügen und Prozessionen begangen wurden.
Von den mittelalterlichen Mysterien- und Passionsspielen über die barocken Feste der höfischen Repräsentation bis zur Etablierung bürgerlicher Theaterkulturen reicht das dramatische Spektrum in Salzburg.
In diese dichte künstlerische Atmosphäre wurde am 27. Jänner 1756 Wolfgang Amadeus Mozart hineingeboren. Seit 1842, als in Salzburg – in Anwesenheit der Söhne des Komponisten – feierlich das Mozartdenkmal enthüllt wurde und damit auch der Grundstein für die Verehrung des Genius loci gelegt war, tauchte immer wieder der Gedanke auf, in Salzburg regelmäßig Mozart-Musikfeste zu veranstalten. Im Jahre 1877 leisteten die Wiener Philharmoniker aus Anlass eines Musikfestes einer Einladung der Internationalen Mozart-Stiftung nach Salzburg Folge und traten hier erstmals außerhalb Wiens auf; und bereits 1887 sprach sich der Dirigent Hans Richter im selben Rahmen für jährlich stattfindende Mozart-Festspiele nach Bayreuther Vorbild aus.

In Anlehnung an die Ende des 19. Jahrhunderts formulierte Idee, in Salzburg regelmäßig Mozart-Festspiele zu veranstalten, wurde 1917 auf Initiative von Friedrich Gehmacher und Heinrich Damisch in Wien der Verein Salzburger Festspielhaus-Gemeinde gegründet, um die Mittel für den Bau eines Festspielhauses aufzubringen. Die Idee, in Salzburg Festspiele einzurichten, war inzwischen auch von anderen Kreisen aufgegriffen worden. Der Dichter Hermann Bahr setzte sich dafür ein. Max Reinhardt, der am Salzburger Stadttheater (heute: Landestheater) seine Karriere als Schauspieler begonnen hatte und 1918 Schloss Leopoldskron erwarb, unterbreitete 1917 in Wien eine entsprechende Denkschrift zur Errichtung eines Festspielhauses in Hellbrunn. Hugo von Hofmannsthal publizierte 1919 einen Entwurf für ein Programm der Salzburger Festspiele. So erhielt die Festspiel-Idee, ursprünglich aus einer Initiative der Salzburger Bürgerschaft hervorgegangen – wahrscheinlich Salzburgs erfolgreichste und nachhaltigste Bürgerinitiative –, ihren intellektuellen Überbau durch ihre zugkräftigen – Wiener – Protagonisten.

Dank der internationalen Ausstrahlung der Künstler, die Max Reinhardt nach Salzburg brachte, und der Visionen der Gründungsväter sowie der guten Kontakte vor allem Max Reinhardts ins Ausland gelang es sehr rasch, die Salzburger Festspiele zu etablieren. „[…] mit einem Mal wurden die Salzburger Festspiele eine Weltattraktion, gleichsam die neuzeitlichen Olympischen Spiele der Kunst, bei denen alle Nationen wetteiferten, ihre besten Leistungen zur Schau zu stellen. [...] (Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1944)
Die wechselvolle Geschichte der Salzburger Festspiele lässt sich besonders anschaulich anhand von Ambivalenzen, Brüchen und Kontinuitäten darstellen. Am sinnfälligsten ist die Ambivalenz wohl zwischen den Polen „Tradition“ und „Moderne“ gefasst, denn die Salzburger Festspiele situierten sich als „anti-modernes Produkt der Moderne“ (Georg Kreis, Das Festspiel, 1991), in einem Antagonismus von Bürgerlichkeit und Fortschrittlichkeit, von konservativem Katholizismus bzw. nationaler Neudefinition und neu erwachtem Cosmopolitismus sowie einer Neuorientierung im Hinblick auf die Zukunft (vgl. Michael Steinberg, Ursprung und Ideologie der Salzburger Festspiele 1890–1938, 2000). Im Versuch der Überbrückung dieser Ambivalenz von Tradition und Moderne entzündet sich seit jeher die Bemühung um die Festspiel-Idee und auch die Kritik an derselben.
Der Festspiel-Idee lag zuerst einmal der Wunsch zugrunde, außergewöhnliche künstlerische Ereignisse höchsten Niveaus in engem Bezug zur kulturellen Tradition des Landes, zum Genius loci und zur besonderen Szenerie einer barocken Stadt zu kreieren. Nach den Wirren des Ersten Weltkrieges und in der allgemeinen Orientierungslosigkeit sollte die Festspielgründung die Bildung einer neuen österreichischen Identität unterstützen, wobei im Rückbezug auf die Tradition eine kulturelle Restauration stattfand. Zwischen diesen Polen bewegen sich auch die programmatischen Äußerungen der Festspielgründer: „Musikalisch theatralische Festspiele in Salzburg zu veranstalten, das heißt: uralt Lebendiges aufs neue lebendig machen; es heißt: an uralter sinnfällig auserlesener Stätte aufs neue tun, was dort allezeit getan wurde […].“ (Hugo von Hofmannsthal, Festspiele in Salzburg, 1921)

„Das Festliche, Feiertägliche, Einmalige, das alle Kunst hat und das auch das Theater zur Zeit der Antike hatte und auch zur Zeit, da es noch in der Wiege der katholischen Kirche lag, das muß dem Theater wiedergegeben werden.“ (Max Reinhardt an Ferdinand Künzelmann, 21. Juli 1918)
Mit dem Rückbezug auf das glanzvolle kulturelle Erbe ist ein Gemeinplatz der österreichischen Kulturgeschichte und -politik angesprochen, der jedoch ein durchaus komplexes Phänomen darstellt. Sowohl die Zwischenkriegsjahre als auch die Nachkriegsjahre sind von diesem Phänomen geprägt. Auch nach den Schrecknissen des Nationalsozialismus dienten Kunst und Kultur als Katalysator, um ein vermindertes nationales Selbstwertgefühl zu kompensieren.
Zugleich waren die Salzburger Festspiele als Projekt gegen „die Krise, die Sinnkrise, den Werteverlust, die Identitätskrise des einzelnen Menschen, aber auch ganzer Völker“ (Helga Rabl-Stadler) gedacht. Mitten im Ersten Weltkrieg reifte der Entschluss, die gegeneinander gehetzten Völker durch Festspiele miteinander zu versöhnen, ihnen ein vereinendes Ziel zu geben. Im „ersten Aufruf zum Salzburger Festspielplan“ (1919) stehen daher auch – unvergleichlich formuliert von Hugo von Hofmannsthal – der Friede und der Glaube an Europa im Mittelpunkt, „an einen Europäismus, der die Zeit von 1750 bis 1850 erfüllt und erhellt hat“. Welch anderes Festspiel darf, muss einen so zeitlos gültigen Gründungsauftrag erfüllen?
Auch dass sich Reinhardts und Hofmannsthals Festspiel-Idee an Salzburg entzündete ist kein Zufall. Abseits der Metropolen, fern der Sorgen des Alltags sollten Festspiele als Wallfahrtsort, Theater als Zufluchtsort etabliert werden. „Die Unrast unserer Zeit, die Bedrängnis durch die Ereignisse des Tages nehmen in der Großstadt so überhand, bedrücken und belasten so sehr, daß wir uns abends von den Sorgen des Tages nicht immer so befreien können, wie wir möchten. Das Spiel kann als solches weder gegeben noch empfangen werden. Wahre Feste können wir in der Großstadt nicht mit dem Herzen feiern.“ (Max Reinhardt, Festliche Spiele, 1935)
Neben der Anti-Moderne prägte also auch eine Anti-Metropole die Physis dieses besonderen Fest-Spiels, das zugleich ein völkerverbindendes, ein gesamteuropäisches Projekt sein wollte. Wobei die große, weite Welt in die kleine Stadt geholt werden sollte und durchaus auch handfeste wirtschaftliche und touristische Erwägungen eine Rolle spielten, die in der Stilisierung Salzburgs als „Herz vom Herzen Europas“ gipfelten. Die antithetische Realität veranlasste Max Reinhardt zu dem denkwürdigen Ausspruch, die Festspiele sollten nicht nur ein „Luxusmittel für die Reichen und Saturierten, sondern ein Lebensmittel für die Bedürftigen“ sein (Max Reinhardt, Denkschrift, 1917).

Margarethe Lasinger